Asiatischer Gurkennudelsalat
Früher in der Stadt habe ich Gurken gekauft.
Ich bin in einen Supermarkt gegangen, habe eine Salatgurke aus dem Regal genommen, sie bezahlt und nach Hause getragen. Eine Gurke. Manchmal zwei, wenn ich besonders verwegen war. Das war ein klar geregeltes Verhältnis. Ich wollte Gurke, der Supermarkt hatte Gurke, wir einigten uns auf einen Preis und gingen anschließend wieder getrennte Wege.
Heute lebe ich auf dem Dorf.
Hier kauft man im Sommer keine Gurken. Hier bekommt man Gurken.
Das klingt zunächst nach einem Vorteil. Nach Naturverbundenheit, Selbstversorgung und diesem stillen, sehr erwachsenen Glück, das Menschen empfinden, wenn sie etwas ernten können. Bis man versteht, dass eine Gurke auf dem Dorf kein Gemüse ist, sondern ein Umlaufgut.
Sie wird nicht besessen. Sie wird weitergereicht.
Anfangs wusste ich das nicht. Ich freute mich noch, wenn jemand mit einer frisch geernteten Gurke vor der Tür stand. Wie schön, dachte ich. Wie aufmerksam. Wie wunderbar dieses Dorfleben doch ist.
Dann kam die nächste und noch eine.
Und drei weitere in einer Stofftasche, die ich ausdrücklich behalten durfte, vermutlich, weil auch die Stofftasche bereits Teil des Gurkenkreislaufs geworden war.
Mittlerweile habe ich verstanden, wie das System funktioniert. Man wartet nicht, bis jemand offiziell nach einer Gurke fragt. Das wäre viel zu spät. Man beobachtet den Nachbarn, wartet auf einen günstigen Moment und schiebt das Gemüse über den Gartenzaun.
Unauffällig, aber bestimmt.
„Ich habe dir da mal zwei hingelegt.“
Dieser Satz ist auf dem Dorf keine Information. Er ist eine vollendete Tatsache.
Widerspruch zwecklos.
Man kann natürlich sagen, man habe noch Gurken im Kühlschrank. Das wird höflich zur Kenntnis genommen, spielt für den weiteren Verlauf aber keine Rolle. Wer selbst Gurken anbaut, hat kein Interesse an deiner persönlichen Bestandslage. Er hat ein logistisches Problem.
Und nun bist du Teil der Lösung.
Ich habe sogar gelernt, dass man beim Verteilen nicht zu zögerlich auftreten darf. Wer eine Gurke schüchtern anbietet, läuft Gefahr, sie wieder mitnehmen zu müssen. Man muss deshalb den Eindruck erwecken, die Übergabe sei längst beschlossen.
Nicht fragen: „Möchtest du vielleicht eine Gurke?“
Besser sagen: „Ich lege sie dir hierhin.“
Noch besser: gar nichts sagen.
Einfach schieben.
Das Dorfleben hat mir viele Dinge beigebracht. Dass jeder alles sieht. Dass jede Mülltonne eine kleine öffentliche Veranstaltung ist. Dass ein fremdes Auto vor dem Haus spätestens nach zwölf Minuten eine Diskussion ausgelöst hat. Und dass Gartenzäune nicht nur Grundstücke trennen, sondern saisonale Gemüsebewegungen ermöglichen.
Im Hochsommer wechseln Zucchini, Tomaten und Gurken auf diese Weise beinahe geräuschlos die Besitzer. Wobei „Besitzer“ das falsche Wort ist. Man ist eher Zwischenstation.
Man nimmt die Gurke entgegen, bedankt sich, trägt sie ins Haus und beginnt sofort darüber nachzudenken, wem man sie als Nächstes unterschieben könnte.
So entsteht Gemeinschaft.
Nicht durch Dorffeste, Vereinsleben oder gegenseitige Hilfe, sondern durch die stille Angst, am Ende der Woche noch sechs Gurken übrig zu haben.
Mein Kühlschrank sieht im Sommer jedenfalls aus, als würde ich einen kleinen, schlecht organisierten Gemüsehandel betreiben. Unten liegen die Gurken, darüber noch mehr Gurken und ganz hinten ein Joghurt, den seit Tagen niemand mehr erreichen kann.
Also braucht man Rezepte.
Nicht das eine Rezept für klassischen Gurkensalat, das in jeder Familie seit 1974 unverändert weitergegeben wird und hauptsächlich aus Gurke, Dill und der Hoffnung besteht, dass Sauerrahm Persönlichkeit ersetzt.
Diese Gurken brauchen Abwechslung.
Für den asiatischen Gurkennudelsalat werden sie deshalb mit einem Spiralschneider in lange Bänder verwandelt. Plötzlich sehen sie aus wie Nudeln, fühlen sich wichtig und dürfen gemeinsam mit Sojasauce, Limette, Sesamöl, Ingwer, Knoblauch und Chili ein Leben führen, das weit über den Tellerrand der deutschen Grillbeilage hinausgeht.
Die Gurke schmeckt hier nicht brav.
Sie schmeckt kühl und scharf, sauer und salzig, nussig und frisch. Die Erdnüsse sorgen für Biss, der Sesam für Tiefe, die Limette für Wachheit und der Knoblauch dafür, dass auch nach dem Essen jeder weiß, dass man anwesend war.
Wichtig ist nur, den Gurken vorher Wasser zu entziehen. Gurken bestehen schließlich zu einem erheblichen Teil aus Flüssigkeit und warten geduldig auf den Augenblick, in dem sie ein schönes Dressing in eine dünne Pfütze verwandeln können.
Deshalb werden die Gurkennudeln gesalzen, ziehen gelassen und anschließend gut ausgedrückt. Das Dressing darf ruhig kräftig schmecken. Fast etwas übertrieben. Die Gurke regelt das später herunter. Das ist ihre stille Macht. Sie kann selbst eine aggressive Chilisoße innerhalb weniger Minuten in ein moderates Gespräch verwandeln.
Koriander kommt ebenfalls hinein, sofern man ihn mag. Wer dabei an Seife denkt, nimmt Minze oder Petersilie. Ich finde, man muss sich beim Essen nicht absichtlich unglücklich machen. Dafür gibt es Steuererklärungen und Familiengruppen bei WhatsApp.
Der Salat wird am besten sofort gegessen. Nicht später, nicht am nächsten Tag und auch nicht erst, nachdem man noch schnell das Beet gegossen hat. Gurkennudeln bleiben nicht ewig knackig. Sie werden weich, geben erneut Wasser ab und verwandeln sich irgendwann in etwas, das aussieht wie eine sehr traurige Erinnerung an Mittagessen.
Also frisch vermengen, auf den Tisch stellen und essen.
Und während man noch überlegt, ob man nun endlich genug Gurken verarbeitet hat, hört man draußen ein leises Rascheln am Gartenzaun.
Dann liegt dort die nächste.
Ich weiß inzwischen, was zu tun ist.
Ich warte, bis der Nachbar kurz nicht hinsieht.
Und schiebe sie weiter.
Asiatischer Gurkennudelsalat
Zutaten
- 3 Stck Salatgurken
- 1 TL Salz
- 4 Stck Frühlingszwiebeln
- 1 Stck rote Chilischote
- 1 Bund Koriander
- 2 EL geröstete Sesamsamen
- 40 g geröstete Erdnüsse grob gehackt (optional)
Dressing
- 2 EL Sojasauce
- 2 EL frisch gepresster Limettensaft
- 1 EL Reisessig
- 2 TL geröstetes Sesamöl
- 1 EL Ahornsirup oder Honig
- 1 Stck Ingwer etwa 3 cm
- 2 Stck Knoblauchzehen
- 1 bis 2 TL Sriracha nach Geschmack
Anleitungen
- Die Gurken waschen und mit einem Spiralschneider in lange Gurkennudeln schneiden. Alternativ mit einem Sparschäler längs in dünne Bänder schneiden.
- Die Gurkennudeln in ein Sieb geben, mit dem Salz vermischen und etwa 10 Minuten ziehen lassen. Anschließend vorsichtig ausdrücken oder mit Küchenpapier trocken tupfen. Dieser Schritt verhindert, dass der Salat nach wenigen Minuten in einer dünnen Gurkensuppe liegt.
- Für das Dressing Sojasauce, Limettensaft, Reisessig, Sesamöl, Ahornsirup und Sriracha miteinander verrühren. Ingwer und Knoblauch fein reiben und unterrühren.
- Die Frühlingszwiebeln in feine Ringe schneiden. Die Chilischote längs halbieren, nach Wunsch entkernen und fein schneiden. Die Korianderblätter grob hacken.
- Gurkennudeln, Frühlingszwiebeln, Chili und Koriander in eine große Schüssel geben. Das Dressing darübergeben und vorsichtig vermengen.
- Den Salat etwa 5 Minuten ziehen lassen. Vor dem Servieren noch einmal abschmecken und mit geröstetem Sesam und den gehackten Erdnüssen (optional)bestreuen.
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