Klebriges Glück – Zitronen-Blaubeer-Streuseltaler

Einige von euch haben Blaubeeren im Garten. Was ich gleichzeitig wunderschön und ein wenig unsolidarisch finde. Während andere Menschen im Supermarkt zwölf Euro für eine Schale bezahlen, die nach einem leicht feuchten Nichts schmeckt, geht ihr kurz vor die Tür und erntet euch das Glück direkt vom Strauch. Sehr sympathisch. Ich gönne es euch selbstverständlich. Mit zusammengebissenen Zähnen.

Für mich ist die Blaubeere ohnehin die Königin der Früchte. Nicht diese aufgeregte Sorte Königin, die ständig winkt, Hüte trägt und erwartet, dass alle Straßen gesperrt werden. Die Blaubeere regiert leise. Sie sitzt einfach da, dunkelblau, mit diesem feinen matten Schleier auf der Haut, als hätte sie gerade eine sehr gute Nacht hinter sich und keinerlei Interesse daran, uns Einzelheiten zu erzählen.

Sie riecht nach feuchtem Waldboden, nach einem Korb auf einer alten Holzbank und nach jenem kurzen Moment im Spätsommer, in dem das Licht schon ein wenig tiefer steht. Außen kühl und samtig, innen plötzlich dunkel, weich und tintig. Sie schmeckt wie ein Sonntagmorgen in einem Haus, in dem schon gebacken wurde, bevor man selbst die Augen geöffnet hat.

Und vielleicht ist sie genau deshalb für mich gar keine typische Sommerfrucht. Blaubeeren passen sich jeder Jahreszeit an, ohne sich dabei lächerlich zu machen. Im Sommer liegen sie auf Kuchen und tun so, als sei das Leben leicht. Im Herbst verschwinden sie unter Streuseln. Im Winter retten sie Pfannkuchen, Porridge und die allgemeine Stimmung. Im Frühling landen sie im ersten Käsekuchen, bei dem alle so tun, als hätten sie die vergangenen Monate nicht hauptsächlich von Butter und Verdrängung gelebt.

Eine Erdbeere im Dezember wirkt, als hätte sie eine längere Dienstreise hinter sich. Eine Blaubeere dagegen sieht aus, als hätte sie dort sowieso einen Zweitwohnsitz.

Für diese Streuseltaler verwende ich sehr gern tiefgekühlte Wildheidelbeeren. Die sind kleiner, kräftiger und deutlich dramatischer. Sobald sie aufplatzen, färben sie alles in ein tiefes Violett, das aussieht, als hätte jemand Tinte, Samt und ein kleines Familiengeheimnis miteinander verrührt. Normale Kulturheidelbeeren können selbstverständlich auch verwendet werden. Sie sind nur optisch ein wenig zurückhaltender. Sehr gepflegt. Sehr vernünftig. Fast schon Verwaltungsfachangestellte unter den Beeren.

Die Wildheidelbeere hingegen platzt auf und hinterlässt Spuren. Auf dem Teig, auf den Streuseln, auf den Fingern und mit etwas Ehrgeiz auch auf dem guten Geschirrtuch. Genau so soll es sein.

Diese Zitronen-Blaubeer-Streuseltaler sind keine trockenen Hefeteilchen, die man mit Kaffee hinunterspülen muss, weil sonst der Rettungsdienst kommt. Sie sind weich, üppig und klebrig. Die Blaubeeren kochen sich dunkel und saftig in den Teig, darüber liegen dicke, buttrige Streusel und ein Zitronenguss, der nicht höflich danebensteht, sondern sich überall hineinlegt.

Schon beim ersten Bissen hat man dieses alte Bäckereigefühl. Damals, als man als Kind mit platt gedrückter Nase an der Scheibe hing und glaubte, hinter dem Glas beginne das eigentliche Leben. Dort lagen die Streuselschnecken, Amerikaner und klebrigen Teilchen in langen Reihen, während man selbst draußen stand und von Erwachsenen hören musste, man habe zu Hause etwas zu essen.

Diese Taler schmecken genau nach diesem verbotenen Blick in die Auslage. Nach warmer Butter, säuerlicher Zitrone, weichem Hefeteig und Blaubeeren, die beim Reinbeißen aufplatzen und einem sofort erklären, dass Servietten eine gute Erfindung waren.

Sie kleben an den Fingern, der Guss hängt an den Lippen und die Streusel verteilen sich auf dem Tisch, als hätten sie dort einen langfristigen Mietvertrag abgeschlossen. Das ist kein Gebäck für Menschen, die Kuchen mit einer Kuchengabel in acht präzise Einheiten zerlegen. Das ist Gebäck, das man mit beiden Händen isst und danach kurz überprüfen muss, ob man noch gesellschaftsfähig aussieht.

Meistens lautet die Antwort nein.

Aber dafür schmeckt es großartig.

Zitronen-Blaubeer-Streuseltaler

Servings: 9 Stück
Author: Patrick Rosenthal

Zutaten

  • Für die Streusel
  • 175 g Weizenmehl
  • 125 g Zucker
  • 1 TL Vanilleextrakt
  • 125 g weiche Butter
  • Für die Zitronen-Blaubeer-Füllung
  • 500 g frische Blaubeeren
  • 2 EL Zitronensaft
  • Abrieb von 1 Bio-Zitrone
  • Für den Hefeteig
  • 375 g Weizenmehl
  • 100 g Zucker
  • 12 g Instant-Trockenhefe oder aktive Trockenhefe
  • 150 ml lauwarme Milch
  • 90 g weiche Butter
  • 1 großes Ei zimmerwarm
  • Abrieb von 1 Bio-Zitrone
  • 1 TL Vanilleextrakt
  • Für den Zitronenguss
  • 450 g Puderzucker
  • 7 EL Zitronensaft

Anleitungen

Streusel

  • Mehl, Zucker, Vanilleextrakt und weiche Butter mit den Fingern vermengen, bis große, grobe Streusel entstehen. Kühl stellen.

Zitronen-Blaubeer-Füllung

  • Blaubeeren, Zitronensaft und Zitronenabrieb in einen mittelgroßen Topf geben.
  • Den Topf mit einem Deckel verschließen und die Blaubeeren bei mittlerer bis hoher Hitze erwärmen. Dabei regelmäßig umrühren und kontrollieren.
  • Sobald die Blaubeeren beginnen aufzuplatzen, den Deckel abnehmen und die Hitze auf mittlere Stufe reduzieren.
  • Die Blaubeeren unter regelmäßigem Rühren etwa 10 bis 15 Minuten weiterköcheln lassen, bis die Flüssigkeit deutlich reduziert ist und die Masse leicht eindickt.
  • Werden tiefgekühlte Blaubeeren verwendet, die Masse so lange einkochen lassen, bis noch etwa 300 g übrig sind.
  • Die fertige Blaubeermasse in eine große, flache Schale oder Auflaufform füllen und vollständig auf Zimmertemperatur abkühlen lassen.
  • Während die Blaubeeren kochen, kann bereits der Hefeteig zubereitet werden.

Hefeteig

  • Mehl, Zucker und Trockenhefe in die Schüssel einer Küchenmaschine geben und kurz miteinander vermischen.
  • Lauwarme Milch, Ei, weiche Butter, Zitronenabrieb und Vanilleextrakt hinzufügen.
  • Den Teig mit dem Knethaken bei niedriger Geschwindigkeit etwa 10 bis 15 Minuten kneten, bis er glatt und geschmeidig ist und sich weitgehend vom Schüsselrand löst.
  • Den Teig zu einer Kugel formen und in eine leicht gefettete Schüssel geben. Die Schüssel sollte mindestens doppelt so groß wie der Teig sein. Es kann auch die Rührschüssel verwendet werden.
  • Die Schüssel mit einem sauberen Küchentuch oder Frischhaltefolie abdecken.
  • Den Teig an einem warmen Ort etwa 45 Minuten gehen lassen, bis sich sein Volumen ungefähr verdoppelt hat.
  • Den Backofen auf 175 °C Ober- und Unterhitze vorheizen.
  • Sobald sich das Teigvolumen verdoppelt hat, den Teig leicht mit Mehl bestäuben und vorsichtig die Luft herausdrücken.
  • Den gesamten Teig durch neun teilen.
  • Jede Teigportion zunächst leicht flach drücken. Anschließend die Teigränder nach unten zur Mitte einschlagen, sodass auf der Oberseite eine gespannte, glatte Oberfläche entsteht.
  • Die Teigkugel mit der Handfläche auf einer sauberen Arbeitsfläche kreisförmig rollen, bis eine gleichmäßig runde Kugel entstanden ist.
  • Immer mit derselben Teigportion beginnend, jede Kugel zu einem Kreis mit etwa 10 cm Durchmesser und ungefähr 1,2 cm Dicke ausrollen.
  • Die Teigkreise auf zwei mit Backpapier oder Silikonbackmatten belegte Backbleche legen.
  • Die vollständig abgekühlte Blaubeermasse gleichmäßig auf den neun Teigkreisen verteilen.
  • Die Blaubeeren großzügig mit den Streuseln bedecken.
  • Dabei möglichst große Streuselstücke verwenden und die gesamte Oberfläche der Teigkreise einschließlich der Ränder mit Blaubeeren und Streuseln bedecken.
  • Die fertig belegten Streuseltaler weitere 20 Minuten gehen lassen, während der Backofen vollständig aufheizt.
  • Beide Backbleche in den vorgeheizten Ofen schieben und die Streuseltaler zunächst 15 Minuten backen.
  • Nach 15 Minuten die Backbleche tauschen und zusätzlich drehen, damit die Taler gleichmäßig bräunen.
  • Weitere 10 bis 15 Minuten backen, bis der Hefeteig und die Streusel goldbraun sind.
  • Die gesamte Backzeit beträgt etwa 25 bis 30 Minuten.
  • Während die Streuseltaler backen, den Puderzucker mit dem Zitronensaft glatt rühren.
  • Falls der Guss zu fest ist, etwas mehr Zitronensaft hinzufügen. Ist er zu flüssig, noch etwas Puderzucker unterrühren.
  • Der fertige Zitronenguss sollte ungefähr die Konsistenz von flüssigem Honig haben.
  • Die fertig gebackenen Streuseltaler aus dem Backofen nehmen und die Backbleche auf Kuchengitter stellen.
  • Den Zitronenguss sofort über die noch heißen Streuseltaler träufeln.
  • Die Taler vor dem Verzehr mindestens 10 Minuten abkühlen lassen.
  • Anschließend entweder noch leicht warm servieren oder zum vollständigen Auskühlen vorsichtig auf ein Kuchengitter setzen.
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